Im Zusammenhang mit chinesischer Medizin und Philosophie fällt oft der Begriff des Qi. Vielleicht ist dieser Ausdruck auch dir schon einmal begegnet. Was ist also Qi und welche Bedeutung hat es?

Alles ist von Energie durchdrungen

Der Begriff Qi wird meistens mit „Energie“ gleichgesetzt. Er kann aber auch Lebensessenz, Luft oder Lebensatem bedeuten. Viele alte Kulturen kennen solche Konzepte. In der indischen Philosophie und im Yoga wird diese Energiequelle beispielsweise „Prana“ genannt.

Qi ist die Energie, die uns lebendig macht und die dafür sorgt, dass wir aktiv durchs Leben gehen. Energie kann weder erzeugt werden, noch verloren gehen. Sie lässt sich lediglich umwandeln. Dies besagt auch die Wissenschaft, allen voran Größen wie Newton und Einstein.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin entspringt Qi dem Yang und ist nicht materiell greifbar. Es handelt sich dabei um eine Energie, die uns, alle Lebewesen und das gesamte Universum durchdringt. Qi sorgt z.B. dafür, dass sich eine Kreatur bewegt, dass eine Pflanze wächst oder dass sich das Universum ausbreitet. Für all diese Prozesse braucht es laut der chinesischen Sichtweise Energie.

Qi sorgt dafür, dass der Mensch sich entwickelt, dass Pflanzen wachsen und dass das Universum sich ausdehnt.

Qi durchdringt alles und sorgt z.B. dafür, dass Pflanzen wachsen. (Foto von Hans auf Pixabay)

Das Qi eines Menschen zeigt sich nicht nur in und anhand seines Körpers, sondern in all seinen Lebensäußerungen. Dazu zählen sein Wachstum und seine Entwicklung, seine Bewegungen, die Körperwärme, Atmung, Verdauung, sowie Emotionen und die Prozesse des Denkens.

Qi, Shen und Jing

Zusammen mit Qi bilden Shen und Jing die sogenannten „drei Schätze“ der TCM.

Shen ist der Geist, der im Herzen sitzt und mit unserer Persönlichkeit in Verbindung steht. Man sagt, dass er sich in der Ausstrahlung eines Menschen und im Glanz seiner Augen äußert. Da Körper, Geist und Seele in der TCM eine Einheit bilden, hat Shen den gleichen Stellenwert wie alle körperlichen Bereiche unseres Selbst.

Jing ist die Essenz, die in den Nieren gespeichert ist. Sie ist Grundlage für die Entwicklung eines Menschen, sowie für seine Fortpflanzung und auch für den Sterbeprozess. Ein Teil von Jing ist vorgeburtlich. Er wird uns bei unserer Entstehung und Geburt von den Eltern und Ahnen mitgegeben. Aus westlicher Perspektive lässt er sich in etwa mit dem Genmaterial gleichsetzen. Jing als Ausdruck von Yin ist in vielerlei Hinsicht das substantielle Gegenstück zu Qi (Yang) und ergänzt dieses.

Das vorgeburtliche Jing wird im Laufe eines Lebenszyklus abgebaut. Ist es aufgebraucht, verlässt Qi unseren Körper und das Lebewesen stirbt. Das vorgeburtliche Jing lässt sich nicht nachfüllen und ist somit sehr kostbar. Du kannst es dir wie eine Kerze vorstellen, die – je nachdem – schneller oder langsamer brennt und irgendwann erlischt.

Qi und Jing: Das vorgeburtliche Jing ist wie eine Lebenskerze. Erlischt sie, stirbt ein Lebewesen.

Das vorgeburtliche Jing ist unsere Lebenskerze. (Bild von Myriams-Fotos auf Pixabay)

Für den zweiten Teil des Jing können wir selbst sorgen: Für dieses sogenannte nachgeburtliche Jing lässt sich mit Hilfe von Ernährung, Atmung und Bewegung Sorge tragen. Je sorgfältiger wir das nachgeburtliche Jing auffüllen und je achtsamer wir mit uns selbst umgehen, umso länger bleibt uns auch der vorgeburtliche Teil von Jing erhalten. Aus Sicht der TCM können wir unseren Lebensprozess, sowie unsere Gesundheit und Lebensdauer selbst beeinflussen.

So wird Energie erzeugt

In Bezug auf den Menschen gibt es drei Hauptquellen von Qi. Die erste davon ist das vorgeburtliche Qi. Analog zum vorgeburtlichen Jing ist dies die Energie, die bei der Geburt von unseren Eltern auf uns übertragen wird und auf die wir keinen Einfluss haben.

Zusätzlich können wir Energie über die Nahrung und Atmung aufnehmen. Die entsprechenden Organe des Verdauungssystems, sowie die Lungen sorgen dafür, dass diese Energie transformiert wird und so für unseren Körper und unsere Aktivitäten bereit steht. Qi ist also auch der Treibstoff, um Nahrung und Atemluft in körperliche, geistige und seelische Energie umzuwandeln.

Eine weitere, wichtige Aufgabe des Qi ist es, das Immunsystem zu stärken, indem es unseren Körper vor schädlichen Einflüssen schützt. Darüber hinaus sorgt es dafür, dass unsere Organe und das Blut an den dafür vorgesehenen Plätzen gehalten werden. Für all diese Prozesse braucht es Qi.

Der Einfluss auf unsere Gesundheit

Das chinesische Schriftzeichen für Qi stellt einen Topf mit Reis dar, aus dem Dampf aufsteigt. Reis gilt in China als DAS traditionelle Grundnahrungsmittel, welches jedem Menschen – egal ob arm oder reich – zur Verfügung steht und ihn nährt. Der Reistopf mit dem warmen, beweglichen und aufsteigenden Dampf steht sinnbildlich für das, was uns am Leben erhält und nährt.

Bleibt der Reistopf kalt, bewegt sich nichts und es entsteht kein Dampf. Ist der Reistopf zu heiß, kocht alles über, die Energie wird verschwendet und es bleibt außer ein paar Schlacken nichts im Kochtopf zurück. Sowohl für den Kochprozess von Reis, als auch für die TCM im übertragenen Sinne gilt, dass alle Elemente eines Systems in Harmonie ineinandergreifen müssen, damit alles so funktioniert, wie es funktionieren soll.

Aus meinem früheren Artikel weißt du bereits: In einem gesunden Körper sind Yin und Yang in Harmonie. Ist dies der Fall, dann ist auch ausreichend Qi vorhanden, welches frei und ungestört fließen kann. Geraten Yin und Yang außer Balance, kann die Energie nicht mehr richtig fließen. Genauso gilt auch umgekehrt: Wenn Qi nicht mehr gut fließt, gerät das Verhältnis von Yin und Yang aus dem Gleichgewicht.

Wenn Qi fließt, sind Yin und Yang in Balance.

Wenn Qi fließt, sind Yin und Yang in Balance. (Foto von Silberfuchs auf Pixabay)

Körperliche, seelische und geistige Gesundheit bedeutet aus Sicht der TCM, dass sich der Fluss des Qi in Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten von Yin und Yang befindet. Ist dieser Fluss blockiert oder gestört, entsteht Krankheit.

Wie sich Qi im Alltagsleben äußert

Qi ist der Drive, den wir brauchen, damit wir morgens aus dem Bett steigen, ein neues Vorhaben umsetzen, Gefühle empfinden und durchs Leben gehen. Es lässt sich wahrnehmen als Schmetterlinge im Bauch, Gänsehaut bei Aufregung oder wenn du dich so fühlst, als ob du heute Bäume ausreißen könntest. Aber auch, wenn du – metaphorisch und im echten Leben – kalte Füße bekommst, Wut in dir hochkocht oder du einen Kloß im Hals hast, ist Qi dafür zuständig.

Qi ist auch das Energiefeld, das uns und andere umgibt. Wenn du dich in der Nähe eines Menschen besonders wohl fühlst, spürst du vielleicht dessen gute Energie. Oder es kann sein, dass bei Gegenwart einer bestimmten Person sprichwörtlich die Luft im Raum gefriert. Auch dafür ist in der TCM Qi verantwortlich.

Energie steht außerdem im Zusammenhang mit Wärme. Im menschlichen Körper hat Qi deshalb Einfluss auf den Wärmehaushalt. Dies bedeutet, dass die Durchblutung gut funktioniert und du z.B. nicht ständig mit kalten Händen und Füßen, Antriebslosigkeit, Blasenentzündungen oder Menstruationsschmerzen zu kämpfen hast. Denn dies sind oft Anzeichen, dass Qi zu langsam fließt oder ins Stocken gerät. Fließt es hingegen übermäßig oder zu schnell, kann es zum Anstau von Hitze kommen. In der TCM äußert sich Hitze z.B. durch Schweißausbrüche, Stress und Hektik, Krämpfe, Aggression und Wut oder durch Entzündungen.

So stärkst du deinen Energiehaushalt

Ernährung, Bewegung und Atmung: Um unser Qi zu stärken, können wir auf diese Bereiche Einfluss nehmen. Körperübungen wie Yoga, Qi Gong oder Pilates verbinden tiefes Atmen mit gesunden Bewegungsabläufen und eignen sich hervorragend, um der Energie auf die Sprünge zu helfen. Auch sanfte bis mäßig intensive Bewegung an der frischen Luft sorgt dafür, dass unser Qi gestärkt wird. Wohltuende Behandlungen durch Massagen wie Tuina oder Shiatsu aktivieren Qi und bringen interne Energien in Bewegung.

Gesunde Bewegung und tiefes Atmen an der frischen Luft stärken Qi.

Gesunde Bewegung und tiefes Atmen an der frischen Luft stärken Qi.

Wichtig sind auch Phasen der Regeneration, wie ausreichend Schlaf, Erholung und Seelenfrieden, die sich positiv auf Qi auswirken. Psychische Aspekte wie Stress, Angst, Sorge, zu viel Grübeln oder Hektik schwächen das Qi. Das Gleiche gilt für übermäßige Aktivitäten. Zu viel Sport und körperliche Arbeit, aber auch geistige und mentale Überbelastung sorgen dafür, dass zu schnell zu viel Energie aufgebraucht wird.

In Bezug auf unsere Ernährung wird Qi gestärkt, wenn wir unser Essen regelmäßig konsumieren. Förderlich ist, wenn wir dabei weder zu kleine, noch zu große Portionen zu uns nehmen. Hungern, übermäßiges Fasten und strenge Diäten setzen unserem Energie-Level ebenso zu wie zu oft zu viel zu essen. Auch wenn du zu schnell isst, hitzige Streitgespräche beim Essen führst oder dich während des Essens nebenbei mit anderen Dingen beschäftigst, wird Qi geschwächt.

Für die Stärkung deines Energiehaushalts gilt das Sprichwort: „Frühstücke wie ein Kaiser, iss zu Mittag wie ein König und iss am Abend wie ein Bettler.“ Wir brauchen Energie, um den Tag aktiv zu gestalten. Deshalb ist es wichtig, in der ersten Tageshälfte gut und ausgewogen zu essen. Schlemmen wir hingegen am Abend vor dem Bettgehen, wird die gesamte Energie für den nächtlichen Verdauungsprozess aufgewendet, damit die Speisen abgebaut werden können. Das Essen liegt uns dann sprichwörtlich schwer im Magen und dem Körper werden wichtige Reserven entzogen, die er nachts normalerweise für interne Regenerationsprozesse aufwendet.

Zusammengefasst bedeutet dies: Es lohnt sich, auf unsere Verdauung Acht zu geben. Darüber hinaus sollten wir uns so oft wie möglich an der frischen Luft bewegen, erholsam schlafen und unseren Geist klar halten.

Lebensmittel, die uns mit Energie versorgen

Läuft unsere Verdauung gut, kann Qi fließen. Dazu ist es wichtig, dass wir nicht nur darauf fokussieren WIE wir essen, sondern auch WAS wir unserem Körper zuführen. Nicht ideale Ernährungsmuster sorgen dafür, dass sich oft zu viel Feuchtigkeit in unserem Verdauungstrakt ablagert. Diese dämmt den Fluss der Energie ein und macht uns müde, erschöpft und träge. Wenn du sehr viele Milchprodukte, Kohlenhydrate und zuckerhaltige Speisen zu dir nimmst, erhöht dies die Feuchtigkeit im Verdauungstrakt.

Welche Lebensmittel stärken Qi? Wurzelgemüse, Hülsenfrüchte und vieles mehr!

Wurzelgemüse eignet sich ausgezeichnet, um Qi zu stärken. (Foto von skeeze auf Unsplash)

Lebensmittel, die Qi tonisieren und Feuchtigkeit in Schach halten, sind zum Beispiel:

  • Gemüsearten wie Karfiol (Blumenkohl), Broccoli, Champignons, Fenchel, Karotte, Zucchini, Kürbis, Olive oder Paprika, sowie Wurzelgemüse generell.
  • Bei den Früchten zählen Marillen, süße Äpfel, Ribisel, Kirschen, Pfirsiche oder Weintrauben zu den Qi-stärkenden Nahrungsmitteln.
  • Alle Getreidesorten stärken den Energiehaushalt. Deshalb sollten wir Hafer, Buchweizen, Hirse oder Quinoa vermehrt in unseren Ernährungsplan aufnehmen. Da viele von uns generell eine hohe Menge an Weizenprodukten zu sich nehmen, dürfen wir bei dieser Getreideart ausnahmsweise sparen.
  • Die meisten Nüsse, Samen und Hülsenfrüchte tonisieren dein Qi, sofern du diese gut verträgst.
  • Auch Fleisch und Fisch stärken dein Energie-Level, wenn sie nicht in allzu großen Mengen konsumiert werden. Achte dabei auf regionale Bio-Qualität. Lass Fleisch- und Fischprodukte am besten die Beilage und nicht die Hauptmahlzeit sein.
  • Aromatische Kräuter und Gewürze wie Basilikum, Majoran, Oregano, Rosmarin, Thymian, Kardamom, Koriander, Fenchel, Kümmel, Wacholder oder Ingwer leiten Feuchtigkeit aus dem Körper. Sie machen viele Speisen auch leichter verträglich, da sie den Verdauungsprozess anregen.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Stärken deines Energiehaushalts!